Am Ende kommt es immer wieder zu einem Gleichgewicht.
Foto Credits: Ivo Corrà
Invasive Schädlinge wie die Marmorierte Baumwanze aus Ostasien zerstören manchmal ganze Ernten. Forscherinnen vom Versuchszentrum Laimburg zeigen, wie man den Neozoen mit natürlichen Gegenspielern beikommt.
Auch in der Natur gibt es Bösewichte. Doch ein Ökosystem funktioniert nach anderen Regeln als die menschliche Gesellschaft. Tricksen, rauben, töten – alles ist erlaubt. Gegen das Gesetz handeln nur diejenigen Spezies, die sich ohne natürliche Feinde unbegrenzt ausbreiten und dadurch andere Arten verdrängen. Auch in der Landwirtschaft sorgen solche invasiven Schädlinge für beträchtliche Ernteausfälle.
Ein solcher Fall ist die Marmorierte Baumwanze, Halyomorpha halys. Mit Schiffen und Containern gelangte sie aus Ostasien zunächst nach Amerika, und in den 2000er-Jahren schließlich nach Europa. Sie saugt mit ihrem Rüssel Pflanzengewebe aus Äpfeln, Birnen, Pfirsichen und Trauben und hinterlässt auf der Frucht typische Verfärbungen und Verformungen. Unter Landwirten war die neue Baumwanzenart bald als Erntekiller gefürchtet.
2016 wurden die ersten Exemplare auch in Südtirol gesichtet – nur drei Jahre später waren im Anlagenrand bereits rund 20 Prozent der Ernteschäden im biologischen und 10 Prozent im integrierten Apfelanbau auf den neuen Schädling zurückzuführen.
Invasive polyphage Arten wie die Marmorierte Baumwanze sind eine Herausforderung für die Bekämpfung. Insektenschutznetze und Insektizide sind oft nicht ausreichend bei hohen Populationsdichten. Diese Bekämpfung ist auch nicht wirklich nachhaltig, da die Population der Schädlinge nicht langfristig verringert wird.
Ein Forscherteam am Versuchszentrum Laimburg hat daher einen anderen Weg versucht. Zwischen 2020 und 2023 setzten die Forschenden an mehr als 50 Standorten Samuraiwespen aus: die natürlichen Gegenspieler der Marmorierten Baumwanze.
„Unser Ziel war es, durch das Freisetzen der exotischen Nützlinge das natürliche Gleichgewicht wiederherzustellen“, sagt die Entomologin Martina Falagiarda, die das Projekt betreut. Der Versuch erwies sich als Erfolg: Die Population der Marmorierten Baumwanze ist mittlerweile unter Kontrolle, sie verursacht nur noch etwa ein Prozent der Schäden im Apfelanbau – ein Musterbeispiel in der biologischen Schädlingsbekämpfung.
Als natürlicher Gegenspieler können sowohl Fressfeinde als auch Parasitoide dienen. Die Samuraiwespe (Trissolcus japonicus), eine Schlupfwespe aus Asien, ist Letzteres: Mit ihrer geringen Körpergröße von ein bis zwei Millimeter kann sie einer ausgewachsenen Marmorierten Baumwanze, etwa 17 Millimeter groß, nichts anhaben. Stattdessen überfällt sie die Gelege der Baumwanze, die sich typischerweise an der Unterseite von Blättern befinden und aus einem Paket von 28 Eiern bestehen.
Mit ihren Antennen klopft die Samuraiwespe zunächst die Eier einzeln auf ihre Qualität ab. Dann platziert sie mit ihrem Legebohrer ihre eigene Brut in die fremde Schale. Der Nachwuchs der Baumwanze wird dabei abgetötet. Manchmal bewacht die Samuraiwespe das eroberte Gehege anschließend mehrere Tage um sicherzugehen, dass keine anderen Insekten ihre eigenen Eier dort ablegen.
Nach nur zwei Wochen ist es soweit. Nicht Baumwanzen, sondern ausgewachsene Samuraiwespen schlüpfen aus den Eiern. Das wirkt sich direkt auf die Population der Marmorierten Baumwanze aus, wie das Projekt des Versuchzentrums Laimburg zeigt.
Von Mai bis Oktober sind Martina Falagiarda und ihr Team in Südtirols Feldern unterwegs, um die Gelege verschiedener Baumwanzenarten zu sammeln und zu monitorieren. 2023, im Jahr der letzten Freisetzung, sammelten die Forschenden fast 340 Eigelege ein, was insgesamt etwa 8.750 Eiern der Marmorierten Baumwanze entspricht. Diese wurden anschließend im Labor untersucht.
Die Ergebnisse sind ermutigend: Die Parasitierung durch die Samuraiwespe war hoch und betrug durchschnittlich 33 Prozent, an manchen Standorten sogar bis zu 70 Prozent. Gleichzeitig ging die Schlupfrate der Marmorierten Baumwanze drastisch zurück: von 50 Prozent im Jahr 2020 auf etwa 15 Prozent in den Jahren 2024 und 2025. Neben der Samuraiwespe spielt bei der Parasitierung auch eine heimische Schlupfwespenart eine Rolle, die Parasitierung war mit rund 10 Prozent aber weit geringer.
Der Einsatz exotischer Nützlinge kann für den Pflanzenschutz hocheffizient sein, daher wird die Methode aktuell auch gegen andere Schädlinge getestet. So läuft am Versuchszentrum Laimburg zurzeit auch ein Projekt gegen die Kirschessigfliege, die vor allem bei Stein- und Beerenobst massive Ernteschäden verursacht. Als Gegenspieler kommt auch in diesem Fall eine asiatische Schlupfwespenart zum Einsatz.
Doch das Freisetzen exotischer Nützlinge birgt auch Risiken. In Italien ist diese Pflanzenschutzmethode erst seit dem Jahr 2020 erlaubt – und auch dann nur unter strengen Rahmenbedingungen. Die Forschenden müssen sich bei ihrer Arbeit daher an ein nationales Protokoll halten. Beispielsweise musste das Umweltministerium die Freisetzung weiterer Samuraiwespen jedes Jahr neu genehmigen.
Eine Frage ist dabei zentral: Wie wirkt sich die Präsenz der Samuraiwespen auf heimische Baumwanzenarten aus? Manchmal können sich die exotischen Nützlinge nämlich auch auf Kosten der heimischen Artenvielfalt ausbreiten und dadurch langfristig selbst zur invasiven Art werden.
Ein solches Beispiel ist der Asiatische Marienkäfer. Weil er große Mengen an Blattläusen frisst, wurde er Ende des 20. Jahrhunderts zur biologischen Schädlingsbekämpfung nach Europa eingeführt. Inzwischen kommt der Asiatische Marienkäfer in Teilen Deutschlands massenhaft vor und steht im Verdacht, heimische Insektenarten zu verdrängen. Auch im Weinbau sorgt er für Probleme, da er, wenn er in die Maische gelangt, den Wein ungenießbar macht.
Im Falle der Samuraiwespe dürfen die Forschenden der Laimburg eine Entwarnung aussprechen. „Unsere Untersuchungen zeigen, dass sich die Samuraiwespe auf Gelege des Zielorganismus konzentriert. Heimische Baumwanzenarten wurden nur selten parasitiert“, sagt Martina Falagiarda. Entomologen sprechen in diesem Fall von einem wirtsspezifischen Gegenspieler: Der Parasit befällt gezielt den Schädling und stellt für andere Arten keine Gefahr dar.
Obwohl seit 2023 keine neuen Samuraiwespen mehr ausgesetzt wurden, beobachten Martina Falagiarda und ihr Team weiterhin akribisch die Lage – voraussichtlich noch bis 2028. „Wir sind auf einem sehr guten Weg“, so fasst sie die bisherigen Ergebnisse zusammen. Die Samuraiwespe konnte erfolgreich überwintern und habe sich in zahlreichen Gebieten dauerhaft etabliert.
Am meisten fasziniert Martina Falagiarda bei ihrer Arbeit der Einblick in die fragilen und doch widerständigen Prozesse der Natur. „Am Ende kommt es immer wieder zu einem Gleichgewicht. Die Natur regelt das Problem früher oder später von selbst“, betont sie. In der Forschung seien zahlreiche Fälle bekannt, wo der natürliche Gegenspieler von selbst nachzog und den invasiven Schädling eindämmte. Auch im Falle der Marmorierten Baumwanze wäre dies wohl irgendwann eingetreten. Die Forschenden haben den Prozess demnach nur beschleunigt.
Text: Teseo La Marca