Ursula Schockemöhle ist bei Prognosfruit für die Ernteprognosen verantwortlich.
Foto Credits by Franziska Gilli
Für Landwirtschaft, Vermarktung und Handel markiert Prognosfruit jedes Jahr den Start in die neue Saison. Ursula Schockemöhle erklärt, was hinter Europas wichtigster Ernteprognose steckt und wie Konsumenten und Klimawandel Vorhersagen auf die Probe stellen.
Interessanterweise hat sich die Grundlage der Prognosen bis heute weniger verändert. Noch immer beruhen viele Schätzungen auf dem Zählen und Messen der Früchte am Baum sowie auf der Einschätzung erfahrener Berater und Erzeuger. Neue Technologien werden erprobt, haben die klassischen Verfahren aber noch nicht vollständig ersetzt.
Die größte Veränderung sehe ich in der Dimension von Prognosfruit. Heute liegen Ernteprognosen aus praktisch allen relevanten EU-Anbaugebieten vor. Ergänzt werden sie durch Zahlen aus wichtigen Regionen der Nordhalbkugel wie den USA, der Türkei oder China.
Die Prognosfruit-Zahlen helfen dabei, sich frühzeitig auf die Marktgegebenheiten einzustellen und entsprechende Entscheidungen vorzubereiten. Jede Saison hat ihre eigenen Voraussetzungen. Gibt es noch größere Altbestände aus der vorherigen Ernte? Liegt noch viel Überseeware in den Häfen? Wie groß wird die neue europäische Ernte ausfallen und wie entwickelt sich das wirtschaftliche Umfeld?
Gleichzeitig ist mir wichtig zu betonen, dass Prognosfruit keine Glaskugel ist. Die Zahlen zeigen die Richtung auf, aber nicht das endgültige Ergebnis. Wetterereignisse, die Qualitätsentwicklung oder Veränderungen auf der Nachfrageseite beeinflussen den Saisonverlauf.
Ich glaube, unterschätzt wird heute weniger eine einzelne Kennzahl als die Tatsache, dass sich nicht alles vorhersagen lässt. Die Marktteilnehmer machen sich inzwischen ein äußerst umfassendes Bild vom Marktgeschehen. Trotzdem bleibt ein Faktor besonders schwer berechenbar: der Konsument. Die zurückliegende Saison hat das deutlich gezeigt. Obwohl europaweit ausreichend Ware verfügbar war und die Verbraucherpreise vielerorts trotz gestiegener Produktionskosten sogar unter dem Vorjahresniveau lagen, blieb die Nachfrage hinter den Erwartungen zurück.
Deshalb schaue ich bei Marktanalysen nicht nur auf die Erntemengen oder Lagerbestände. Entscheidend ist immer auch die Frage: Wie reagiert der Verbraucher? Und genau darauf gibt es keine Formel.
Ich habe viele Jahre eng mit Helwig Schwartau zusammengearbeitet, und ab Juni war Prognosfruit jedes Jahr das beherrschende Thema. In dieser Zeit wurden unzählige Gespräche mit Produzenten und Vermarktern geführt, Markt- und Konsumententrends analysiert und die Entwicklung neuer Sorten, Verpackungskonzepte, den Bio-Markt sowie politische und wirtschaftliche Einflüsse beobachtet. Das Spannende ist, dass sich der Markt nie exakt wiederholt. Selbst unter ähnlichen Rahmenbedingungen kann eine Saison einen völlig anderen Verlauf nehmen. Genau diese Zusammenhänge zu verstehen und zu bewerten, macht den Reiz der Aufgabe aus. Neu ist für mich, die Ergebnisse und Einschätzungen nun selbst gegenüber der Branche zu vertreten. Dabei war Helwig Schwartau für mich über viele Jahre ein ausgezeichneter Lehrmeister.
Der Klimawandel macht Ernteprognosen aus meiner Sicht deutlich anspruchsvoller. Wir sehen heute häufiger Extremwetterereignisse, stärkere Schwankungen bei Niederschlag und Temperaturen sowie zunehmend komplexe Wetterlagen. Das kann Erträge und Qualitäten kurzfristig beeinflussen. Hinzu kommt, dass die Witterung nicht nur die Erntemenge, sondern auch den Blüh- und Erntezeitpunkt beeinflusst.
Satellitendaten, Fernerkundung, Künstliche Intelligenz und Echtzeit-Wetterdaten können helfen, Entwicklungen früher zu erkennen und Prognosen weiter zu verbessern. Sie werden die Unsicherheit nicht vollständig beseitigen, aber dazu beitragen, dass wir auch unter zunehmend schwierigen klimatischen Bedingungen fundierte Einschätzungen treffen können.
Vor allem der Klimawandel, strengere Nachhaltigkeitsanforderungen, die Verfügbarkeit von Pflanzenschutzlösungen und das veränderte Konsumverhalten. Gleichzeitig werden Digitalisierung und neue Technologien an Bedeutung gewinnen – von präziseren Ernteprognosen bis hin zu effizienteren Produktionsverfahren. Die größte Herausforderung wird sein, Wettbewerbsfähigkeit, Nachhaltigkeit und die Erwartungen der Verbraucher miteinander in Einklang zu bringen. Denn der beste Apfel nutzt wenig, wenn er nicht gekauft wird. Mit der Gen Z wächst eine Käufergeneration heran, die anders konsumiert und neue Erwartungen an Produkte, Marken und Kommunikation hat.
Testo: Daniela Kahler
Foto: Franziska Gilli