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envy™: Der Apfel der Visionäre

Foto credits: T&G

ipoma Ausgabe 04 präsentiert

Wie envy™ den Apfelmarkt revolutionierte

Vor rund 40 Jahren begann die Erfolgsgeschichte von envy™, der Apfel-Größe aus Neuseeland. Jetzt ebnet die Clubsorte einer neuen Apfelgeneration den Weg.

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Eigentlich lief es gut für Neuseelands Apfelwirtschaft Mitte der 1980er-Jahre. Die beiden Lokalmatadore – Braeburn und Gala – waren im In- und Ausland begehrt. Allan White war trotzdem beunruhigt. Der damalige Mitarbeiter im Department of Scientific & Industrial Research, kurz DSIR, war der Meinung, der Apfel-Markt seiner Heimat müsse sich neu erfinden. Zwar bot Neuseeland mit seinen warmen Sommern und kühlen Winter ideale Bedingungen für den Anbau, doch White sah Wolken aufziehen im Apfel-Paradies. Konkurrenten auf der Südhalbkugel wie Chile, Argentinien und Südafrika fingen an, zuhauf Gala anzubauen. In Chile war auch Braeburn beliebt. Dabei waren die Produktionskosten in diesen Ländern geringer und die Transportwege in die großen Absatzgebiete in Amerika und Europa kürzer. Wie konnte ein kleiner Inselstaat südöstlich von Australien da mithalten?


Ein neuer Apfel musste her, eine Verlockung, der niemand widerstehen konnte. Allan White begann, Gott zu spielen und schuf die Sorte „Scilate“, die später unter dem Markennamen envy™ auf den Markt kam. Sie sollte für Neuseeland die Türen zum Weltmarkt offenhalten. 


Foto credits: T&G (Carles Palacio i Berta)

White erreichte sein Ziel nicht nur, sondern übertraf es sogar. Mittlerweile ist envy™ in fast 60 Ländern und Regionen im Sortiment. Am asiatischen Markt besetzt der Apfel aktuell viele Podestplätze: Platz 1 in Vietnam, Platz 2 in Thailand, Platz 3 in China. Allein im Reich der Mitte wird für 2026 ein Plus von 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erwartet. 

Sogar in den USA, wo der Markt zu stagnieren droht, erobert envy™ die Haushalte: von 7,2 Prozent im Jahr 2023 auf 12,4 Prozent im Jahr 2025. 

Der neuseeländische Obst-Gigant T&G, der sich die Lizenz für envy™ gesichert hat, arbeitet mit mehr als tausend Erzeugern in 13 Ländern zusammen. In Europa sind vor allem Italien (das heißt in diesem Fall Südtirol), Frankreich, Spanien und seit 2020 auch die Schweiz vertreten. Da envy™ auf der Nord- und Südhalbkugel angebaut wird, ist er das ganze Jahr über erhältlich. In dieses zwei Hemisphären-Prinzip hat T&G viel investiert. Mit Erfolg. 2026 soll der weltweite Umsatz von envy™ im Einzelhandel erstmals die magische Marke von einer Milliarde Neuseeland-Dollar knacken, umgerechnet knapp 510 Millionen Euro. So begehrt war noch kein Apfel aus Aotearoa. 


T&Gs Credo: Der Konsument soll immer das bekommen, was er kennt, liebt und erwartet. Und das ist im Fall von envy™ nicht nur ein „Apfel“, sondern ein „Erlebnis“, wie es in einem Werbespot aus Italien heißt. „Assaggia per credere“ – probieren, um zu glauben. Man ahnt: Jeder Bissen ist ein Genuss. 

Die Beschreibung von envy™ liest sich wie ein Gedicht: Auf eine leichte Zitrusnote folgen tropische Aromen von Birne, Banane, Ananas und Mango. Die erfrischende Säure verwandelt sich in vollmundige Süße. Im Rubinrot der Schale schimmern orangegelbe Strähnchen, wie mit dem Pinsel gemalt. Es klingt, als trüge envy™ seinen Namen, der zu Deutsch „Neid“ bedeutet, zurecht.

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Das wirklich Revolutionäre an diesem Apfel ist seine beständige Textur. Noch sechs Monate nach der Ernte ist er knackig und saftig. Wer von der Konkurrenz kann das von sich behaupten? Und: Einmal angeschnitten oxidiert das Fruchtfleisch kaum und wird deshalb nicht braun. 

Um ein solches Wunderkind hervorzubringen, vereinte White die neuseeländische Apfel-Elite und kreuzte Braeburn und Gala. Beide Sorten punkteten bereits mit einem guten Ertrag und machten kaum Probleme beim Anbau. Nun sollten sie sich gegenseitig ergänzen: die Säure des stattlichen Braeburn mit der Süße des in seiner Größe bescheidenen Gala. 


Blieb nur noch die Frage nach der Rollenverteilung: War es besser, die Blüten von Gala mit dem Pollen von Braeburn zu bestäuben oder umgekehrt? White probierte beides aus. 8.000 Samen gingen aus der Kreuzung zwischen Gala-Blüten und Braeburn-Pollen hervor. 7.000 davon wurden ausgesät. Anschließend wurde gnadenlos aussortiert: 211 Sämlinge kamen in die engere Auswahl. Am Ende war envy™ geboren. 


Foto credits: Unsplash (Amit Lahav)

Doch auch der umgekehrte Weg funktionierte: Mit Braeburn als Mutter und Gala als Vater kam envys™ Apfel-Bruder JAZZ™ 2004 – noch fünf Jahre vor envy™ – auf den Markt. Die Sortennamen der Geschwister lauten „Scifresh“ und „Scilate“. Das „Sci“ fand sich bereits im Namen früherer Sorten, die für das DSIR gezüchtet worden waren. Der Zusatz „fresh“ bezieht sich auf das besonders saftige und knackige Geschmackserlebnis bei JAZZ™. Der Zusatz „late“ auf die späte Ernte von envy™ im April, dem Monat, in dem in Neuseeland die letzten Früchte reifen.

In Aroma und Geschmack sind sich envy™ und JAZZ™ ähnlich, „wobei JAZZ™ ausgewogener ist, was das Verhältnis von Zucker und Säure betrifft“, sagt Richard Volz. Er hat den Aufstieg der beiden Apfel-Größen miterlebt und ihren Schöpfer Allan White im Jahr 2001 als Leiter der Apfelzucht im DSIR abgelöst. 


Es scheint, als hätte sich die Geschichte seit damals wiederholt. Auch Volz ist ein Visionär und hat die Fähigkeit, die Zeichen der Zeit frühzeitig zu erkennen. Bereits vor 25 Jahren wurde ihm bewusst, dass die steigenden Temperaturen weltweit den Äpfeln rund um den Globus zusetzen werden. Eine weiche Konsistenz und ein blasses Rot sind die Folge. „Wenn es nachts nicht mehr richtig kühl wird, können sich nicht mehr genug Anthocyane, rote Farbstoffe, bilden“, erklärt der heute 67-Jährige. 

Also tat Volz, der im Laufe seiner Karriere auch für die Nachfolgeorganisationen des DSIR – das HortResearch, das Plant & Food Research und das Bioeconomy Science Institute – tätig war, das, was schon Allan White getan hatte: Er nahm die Besten der Besten, kreuzte sie und begann, nach der Nadel im Heuhaufen zu suchen. Auf 1:10.000 schätzte White einmal seine Chancen, den einen – den richtigen – Apfel zu finden.

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„Heutzutage ist es noch schwieriger geworden“, meint Volz. „Die Standards von neuen Apfelsorten haben sich in den letzten Jahrzehnten noch verbessert. Am Ende genügt es nicht mehr, wenn eine Frucht nur die gewünschten Kriterien erfüllt. Ein Apfel muss immer etwas Besonderes haben, das ihn von anderen Sorten abhebt, die dieselben Merkmale aufweisen.“

Tutti™, wie Volz’ Kreation im Verkauf genannt wird, ist eine solche Ausnahme. Seit 2009, als die erste Frucht an der ursprünglichen Sämlingspflanze gesichtet wurde, nimmt es der Apfel mit dem sperrigen Sortennamen „HOT84A1“ mit Temperaturen von mehr als 40 Grad auf. 


Auch sein Erfolg liegt in den Genen. Von seiner Mutter, einem Apfel namens „Scired“, hat er wohl seine intensive rote Färbung geerbt. Zu seiner guten Textur dürften beide Elternteile beigetragen haben. Sein Vater ist kein Geringerer als „Scilate“, also der berühmte envy™, der den Apfelmarkt schon einmal revolutioniert hat. Er führt die Tradition seiner Eltern fort: Der Star von heute hilft der Apfelgeneration von morgen, die Herausforderungen der Zukunft anzugehen. 


Text: Bettina Gartner

Foto credits: T&G (Sistema Binari)

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