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Die ersten zertifiziert allergikerfreundlichen Apfelsorten hat ein interdisziplinäres Team in Norddeutschland entwickelt. Projektkoordinator und Obstbauexperte Werner Dierend von der Hochschule Osnabrück über ihre Entstehung – und über emotionale Momente.
Eine Apfelallergie ist eine Abwehrreaktion des Körpers auf das Apfel-Eiweiß Mal d 1. Der Körper empfindet es als Fremdstoff und reagiert zum Beispiel mit einem Kribbeln an Lippen oder Gaumen oder auch mit Schwellungen im Mundraum.
Die Initialzündung lieferte ein wissenschaftlicher Mitarbeiter. Ihm kam nach einem Vortrag von Professor Bergmann von der Charité Berlin über Allergengehalte alter Apfelsorten der Gedanke: Wenn es zwischen Apfelsorten Unterschiede im Allergengehalt gibt, muss das auch in unserem Züchtungsmaterial der Fall sein. Danach haben wir TU München, Züchtungsinitiative Niederelbe und Charité zusammengebracht und einen Antrag beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gestellt. Unser Sachbearbeiter dort war selbst Apfelallergiker – er stand der Idee also positiv gegenüber!
Das Projekt startete 2016. Die TU München entwickelte die Analytik zur Bestimmung des Allergens Mal d 1, die Hochschule Osnabrück koordinierte und betreute das Züchtungsmaterial, die Charité übernahm die klinischen Tests. In Stufe 1 haben wir geguckt, ob es Elternsorten gibt, deren Nachkommen geringe Mal-d-1-Gehalte haben. Da haben wir allerdings keine Beziehung gefunden. Deswegen haben wir uns auf die Sorten in unserem Züchtungsprogramm konzentriert, die bereits für den Markt in Frage kamen. Davon haben wir meist etwa 200. Diese Sorten und Klone wurden nochmal analytisch nach solchen mit besonders niedrigen Mal-d-1-Gehalten durchsucht. Aus der Arbeit gingen letztlich ZIN 168 und ZIN 186 hervor. Die beiden sind seit Herbst 2025 unter der Dachmarke Pompur auf dem Markt.
Die Charité war für die klinischen Tests verantwortlich. Dort wurden medizinisch bestätigte Apfelallergikerinnen und -allergiker eingeladen, die die Äpfel tatsächlich verzehrten. Das war ein entscheidender Schritt. Erst durch diese klinischen Provokationstests konnten wir wirklich belastbare Aussagen treffen. Denn dabei zeigte sich, dass ein niedriger Mal-d-1-Gehalt allein noch keine Garantie für Verträglichkeit ist. Aber Professor Bergmann berichtete auch von Patientinnen und Patienten, die nach 20 Jahren erstmals wieder einen Apfel ohne Beschwerden essen konnten und beim Verzehr unserer Klone Freudentränen in den Augen hatten. Solche Rückmeldungen haben wir inzwischen mehrfach erhalten.
Bisher haben wir keine Zielkonflikte festgestellt. Wir finden sowohl hohe als auch niedrige Allergengehalte in ganz unterschiedlichen genetischen Hintergründen.
Lange wurde angenommen, dass hohe Polyphenolgehalte zu einer besseren Verträglichkeit führen. Da würde ich ein großes Fragezeichen dahinter setzen. Möglicherweise spielen einzelne Flavonoide eine Rolle, aber die Zusammenhänge sind nicht abschließend geklärt. Dazu möchten wir gerne noch forschen.
ZIN 168 ist eine attraktive, knackige und eher süße Sorte, die sehr gut ankommt. ZIN 186 hat etwas mehr Säure, wirkt dadurch ausgewogener und sehr aromatisch. Sie ist fest und saftig. ZIN 168 ist etwas anspruchsvoller in der Lagerung, während ZIN 186 ausgesprochen lagerstabil ist. Beide Sorten waren bereits als marktfähige Apfelsorten interessant. Die gute Verträglichkeit kam als zusätzlicher Vorteil hinzu.
Die Sorten wurden auf zahlreichen Standorten geprüft und haben sich im norddeutschen Anbau bewährt. Grundsätzlich erwarten wir, dass sie auch in anderen Anbaugebieten gut funktionieren.
Eine gute Sorte reicht nicht. Man braucht Partner, die den Apfel auch erfolgreich in den Markt bringen. Der große Vorteil unserer Züchterinitiative ist, dass Erzeuger, Vermarkter und Handel von Anfang an eingebunden sind. Gerade bei einem sensiblen Thema wie Allergikerfreundlichkeit muss zudem sehr sorgfältig gearbeitet werden. Die Sorten dürfen nicht mit anderen Äpfeln verwechselt werden, deswegen werden sie bisher nur verpackt verkauft. Die Kommunikation muss klar sein und bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern Vertrauen in das Produkt wecken.
Ja. Vor rund zwei Jahren wurden etwa 300.000 Bäume gepflanzt. Nach den positiven Erfahrungen im ersten Vermarktungsjahr wurde entschieden, diese Zahl ungefähr zu verdoppeln. Die Bäume werden erst nach und nach in den Vollertrag kommen. Die Entwicklung erfolgt bewusst schrittweise, damit ausreichend Erfahrungen gesammelt werden können.
Das Zertifizierungsverfahren für Äpfel wurde im Rahmen unseres Projekts entwickelt. Gemeinsam haben wir Kriterien für Analytik, Lagerung und klinische Prüfungen definiert. So wurde eine wissenschaftlich fundierte Zertifizierung möglich.
Die größte Herausforderung war die Analytik. Das Protein Mal d 1 ist sehr empfindlich – speziell wärmeempfindlich –, was die Messungen deutlich komplizierter machte als erwartet. Besonders positiv war die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Partnern. Allein hätte keine Institution dieses Projekt stemmen können.
Ich denke, dass solche Nischenmärkte an Bedeutung gewinnen werden. Gleichzeitig bleibt Sortenzüchtung immer ein Stück weit ein Puzzle. Man kann vieles planen, aber man muss auch offen bleiben für Eigenschaften, die man erst im Verlauf der Züchtung entdeckt. Genau daraus entstehen oft die spannendsten Innovationen.
Interview: Daniela Kahler
Fotografie: Melina Mörsdorf
Werner Dierend ist Professor für Obstbau an der Hochschule Osnabrück und leitet die Züchtungsarbeit der Züchterinitiative Niederelbe (ZIN). Seit über 20 Jahren entwickelt er neue Apfelsorten und koordinierte das Forschungsprojekt zu allergikerfreundlichen Äpfeln.