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 VERSCHIEDENES
Hans Heiss: 800 Jahre Messen und Märkte in Bozen

VERSCHIEDENES 1202: Erstnennung der Bozner Märkte
1202 treten Raumverhältnisse, Herrschaft und Handel in Bozen schlagartig in neues scharfes Licht. Am 4. April 1202 schließen die Bischöfe von Trient und ihre Brixner Nachbarn einen bedeutsamen Vertrag.
Der grundsätzliche Inhalt: Die geistlichen Herren unterfertigen eine Urkunde, in der sie sich dazu verpflichten, sich wechselseitig Zollbegünstigungen einzuräumen. Die Brixner Untertanen südlich des Brenners sollen wie die Bozner dazu befugt sein, Waren in das jeweils andere Herrschaftsgebiet zollfrei oder zu einem Niedrigzoll einzuführen. Auf Betreiben der Bischöfe schließen sich beide Handelsräume also zu einer kleinen Zollunion zusammen
Zentral ist aber, dass ganz beiläufig eine Einrichtung erwähnt ist, auf der intensiv Waren verhandelt werden: die Jahrmärkte von Bozen, die mercatus annuales Bauzani. Der Zollvertrag bringt die Ersterwähnung der künftigen Bozner Messen, die als bereits gefestigte Einrichtung geschildert werden. Freilich nicht in ihrer voll ausgebildeten Form, aber als wichtige Vorstufe auf dem Weg zur Messe.

Funktionen von Messen im Mittelalter
Von nun an wird eine Entwicklung nachvollziehbar, die Bozen und den zentralen Alpenraum maßgebend prägt, einschneidend nicht nur für die Wirtschaft der Region, sondern auch für ihr politisches Gesamtgefüge. Die Messen stiegen zu einer langfristigen ökonomischen Achse des künftigen Tirols auf, traditionsbildend bis auf den heutigen Tag.
Die Einrichtungen von Messe und Jahrmarkt bewähren sich im Mittelalter als zentrale Knotenpunkte des überregionalen Handels. In einer Welt, in der Kommunikation noch prekär und brüchig ist, in der Verkehrswege, Kontakte und Nachrichtenübermittlung ständig von Unterbrechung und Gefahr bedroht sind, erweist sich die Messe als stabile Plattform merkantilen Austauschs.

Alpines Messezentrum Bozen
Am Ausgang des Mittelalters verfügt die Stadt über vier große Messen, jährlich genau terminierte Fixpunkte, abgestimmt auf die Rhythmen des europäischen Messehandels. Mittfasten, Corpus-Domini, Ägidi und Andrei sind jene Termine, an denen sich der zentraleuropäische Handel in Bozen trifft, kurz vor oder nach anderen Regionalmessen Süddeutschlands oder Oberitaliens.
Bozen dient nach 1600 aber nicht allein als Plattform des großen überregionalen Handels, der die zentralalpine Stadt als einen unter vielen Standorten betrachtet, sondern rückt zur Operationsbasis eines einheimischen, zunehmend selbstbewussten Handelsstandes auf.
Zum entscheidenden Faktor für die Organisation der örtlichen Interessen wird eine Einrichtung, mit der Bozen wegweisend wird – der Merkantilmagistrat.

Eeine kleine Revolution: der Merkantilmagistrat
Der Merkantilmagistrat ist ein Handelsgericht, das durch besondere Funktionalität auf die Bozner Messen zugeschnitten ist: Ein judikatives Forum, das seine Aktivität zu den Marktterminen aufnimmt und im Schnellverfahren, auf weitgehend mündlicher Grundlage, über die Streitigkeiten zwischen den Kaufleuten entscheidet.
Höchste Funktionalität und Effizienz kennzeichnen also den Magistrat, der sich aus den denkbar besten Rechtsexperten zusammensetzt: aus den Kaufleuten selbst.
Nicht die öffentliche, nicht die landesfürstliche Judikatur ist also der Träger des Magistrats, sondern die Interessierten selbst, die an einer zügigen Durchführung der Verfahren größtes Interesse haben müssen. Der Merkantilmagistrat wird 1635 von der Landesfürstin Claudia de‘ Medici gewährt.
Mit dem von den Kaufleuten in Eigenregie geleiteten Messegericht gewinnt Bozen einen Attraktionspunkt, der die Existenz der Messen für weitere 200 Jahre weiter absichert, einen Gerichtsstand, der über sich selbst hinaus keine weiteren Instanzenzüge kennt, ebensowenig die Verlegung an einen anderen Gerichtsstand. Innovativ ist auch die konsequente Proporzregelung nach Sprachgruppen am Merkantilmagistrat: Die zwei Kammern, die erste und die zweite Instanz, sind paritätisch besetzt, sodass weder italienische noch deutsche Handelspartner Grund zur Klage über etwaige sprachliche oder judizielle Nachteile haben.

Faktoren einer langen Geschichte
Sieben Motive machen die Bozner Messe in Geschichte und Gegenwart zum Kern der Wirtschaft und des politischen Selbstverständnisses im südlichen Tirol.
1. Die Messen haben das transregionale, weit ausgreifende Potenzial Bozens in Jahrhunderten früh gefördert. Sie haben der südlichen Region ein ökonomisches Selbstverständnis und ein Sonderbewusstsein vermittelt.
2. Sie haben eine politisch-ökonomische Führungsschicht ausgebildet, die im 17. und 18. Jh. auf die Entwicklung Bozens und der südlichen Region ausserordentlichen, lange unterschätzten Einfluss genommen hat.
3. Die Messen waren lange ein Element der Modernität in einem ländlich geprägten Raum, sie haben aber auch durch die Überschätzung von Transit und Handel wichtige Modernitätsstränge wie die Industrie blockiert.
4. Die Messen haben die Mittlerrolle und Stadtgestalt Bozens zwischen Nord und Süd, zwischen Germania und Italia akzentuiert und Bozen als Friedensbereich unter dem Stab Merkurs gefördert. Sie haben eine reiche Stadtkultur hervorgebracht, die sich in Architektur, Lebensstil und Urbanität auszeichnete, aber auch durch ihre eigene Funktion als Handelsstadt. Die Stadt Bozen hat sich von den Messen emanzipiert und ihr eigenes Profil als kommerzielles Zentrum des Landes gewonnen. Die besondere Rolle Bozens mit eigenem Warenangebot und Anbietern hat sich aus der Messe heraus entwickelt. Sie ist heute stark gefährdet, aber auch förderungswürdig.
5. Die heutige Messe hat mit ihren historischen Vorläufern wenig gemeinsam. Bozens Neue Messe bildet jedoch die zentrale Visitenkarte der Landesökonomie und eine Präsentationsfläche für sämtliche Branchen der regionalen Wirtschaft. Dieser Aspekt hat an Bedeutung gewonnen: In einem Umfeld, in dem vielfach Einzel-, Sektoren- und Brancheninteressen überwiegen, repräsentiert die Messe das Gesamthafte der Ökonomie Südtirols. Sie steht für die nachdrückliche Aufforderung, Synergien zu bilden und Gesamtvisionen zu entwickeln. Gegen die Lockungen der Bezirks- und Lokalinteressen, setzt die Messe die Aufforderung, das Verbindende zu suchen und herauszustellen.
6. Die Messe ist heute durch hohe Spezialisierung ausgewiesen, aber auch durch ihren integrativen Gesamtauftrag. Die mitunter kritisierte Herbstmesse ist jene gemeinsame Plattform, die einen Zusammenhang der Sektoren verdeutlicht und die persönliche Verbindung zwischen Kunden und Anbietern in anregender Weise verbürgt. Die Messe führt Südtiroler aus allen Landesteilen, aus allen Sprachgruppen in Bozen zusammen, sie ist vielleicht überhaupt der einzige Ort unseres Landes, wo sich Bürger von Winnebach bis Reschen, von Salurn bis Brenner und darüber hinaus in kurzer Zeit auf engem Raum begegnen können. Sie ist die älteste Form der „Landesausstellung“.
7. Messen sind also persönliche Formen der Kommunikation und des Austausches. Auch in einer globalen Welt, trotz eines hohen Grades an Vernetzung und Beschleunigung der Informationssysteme ist der Kontakt von Person zu Person unerlässlich, seine Bedeutung ist sogar gewachsen. Vertrauen, Verlässlichkeit und Berechenbarkeit gedeihen nur im persönlichen Austausch, im langsamen und langfristigen Prozess des Kennenlernens der Partner und Parteien. Dies gilt nicht nur für die Messen, dies ist aber jener Moment, der sie unersetzlich macht, dies ist ihr eigentliches Funktionsprinzip, seit 800 Jahren.


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